leonie lauren

Leben & Lifestyle aus Wolfsburg

GUT ESSEN in der Autostadt oder wie meine Liebe zu Essen ein neues Level erreichte

Kennt ihr das? Dieses Gefühl, wenn ihr jemandem zuhört, der euch im Nachdenken über ein bestimmtes Thema meilenweit voraus scheint? Der als Experte über ein Wissensgebiet philosophiert und ihr sagt nur so zu euch: „Krass, darüber habe ich so noch gar nicht nachgedacht!“? Ich liebe es, wenn das passiert. Weil es mich inspiriert, weil es mir zeigt, wie vielfältig unsere Welt ist und weil es der Beweis dafür ist, dass es immer etwas zu entdecken gibt.

Gestern durfte ich mich auf eine kulinarische Reise begeben – so waren zumindest meine Vorstellungen. Im Laufe der Veranstaltung, die ich besuchte, stellte ich jedoch fest, dass diese kulinarische Reise so viel mehr beinhaltete: Spannende Gespräche über Slow Food und die Bedeutung von Genuss für uns Menschen, wie es sich anfühlt, mit rund 750 Menschen über drei Etagen gemeinsam zu genießen und wie wichtig Essen für unseren Lebenskreislauf ist.

Ich bin so aufgewachsen, dass ich Essen schon immer wertegschätzt habe. Wenn wir früher als Kinder ein Lebensmittel nicht kannten, sollten wir es zumindest einmal probieren und erst dann ein Urteil darüber fällen (Ich glaube das ist ein Grund, weshalb es heute kaum Lebensmittel gibt, die ich nicht mag). Wir nahmen lieber eine zweite Portion als das wir die erste – zu große – nicht schafften und dann Essen übrigblieb. Und wir hatten geregelte Essenszeiten, bei denen meine Eltern viel Wert darauf legten, dass alle Familienmitglieder anwesend waren. Gerade die Bedeutung des letzteren Punktes realisierte ich später: Je älter wir wurden, desto mehr hatten wir unseren eigenen Alltag. Die Mahlzeiten sind der Punkt, an dem alle in Ruhe zusammensitzen, sich austauschen. Man nimmt sich Zeit, nicht nur für das Essen, sondern auch für die Gemeinschaft.

Essen ist neben der lebenswichtigen Aufnahme von Nährstoffen und Energie eben noch so viel mehr: Essen ist Gemeinschaft. Das war der Standpunkt, mit dem ich zu GUT ESSEN ging – eine Veranstaltung, die von der Autostadt am gestrigen Abend bereits zum achten Mal ausgerichtet wurde. Wer schon einmal in einem der Restaurants der Autostadt war, der weiß, dass gutes Essen und vor allen Dingen eine gesunde Ernährung in den verschiedenen Küchen der Kommunikationsplattform von Volkswagen ein fester Bestandteil sind: Seit 2003 werden in den Restaurants ökologisch produzierte und saisonale Erzeugnisse aus der Region verarbeitet. Zudem stellen sich die Restaurants der Autostadt auf verschiedene Ernährungsweisen ein, sodass auch am gestrigen Abend unterschiedlichste Speisen dem Credo „vital – vegetarisch – vegan“ gerecht wurden.

„Bio“ ist heute kommerzieller denn je und zum Beispiel auch in hiesigen Discountern nicht mehr aus dem Regal weg zu denken. In den letzten Jahren ist ein regelrechter Hype um ökologische Produkte entstanden. Doch Bio ist nicht gleich Bio – und damit die Autostadt die Qualität der verarbeiteten Naturprodukte gewährleisten kann, lässt sie ihre Restaurants vom führenden Öko-Verband Bioland beraten und zertifizieren. Der Präsident des Anbauverbands, Jan Plagge, war gestern bei GUT ESSEN dabei und seine Worte waren es, die mich so faszinierten. Der gesamte Kreislauf des Lebens beginne mit der Ernährung, so Plagge und er ende auch damit. Der damit verbundene Genuss, aber auch die Verantwortung, die wir zum Beispiel gegenüber dem Anbau von Lebensmitteln heutzutage haben, rückt immer weiter in die Ferne, dabei müssten Genuss und Lebensfreude eigentlich im Zentrum stehen. In seiner Rede machte er deutlich, dass Veranstaltungen wie GUT ESSEN daher sehr wichtig für unsere Gesellschaft seien, weil sie zum Beispiel die Möglichkeit böten, bei den Erzeugern direkt zu fragen, was es zum Beispiel bedeutet, hier in unserer Region ökologisch vertretbar Lebensmittel anzubauen.

Das ist im Grunde das Prinzip, welches GUT ESSEN verfolgt: Neben jeder Menge Leckereien kommt man mit den Lieferanten der Autostadt ins Gespräch, wird angesprochen oder stellt selbst Fragen und informiert sich. So geschieht, was heutzutage viel zu selten passiert: Die Menschen fangen an, die Nahrung, die sie zu sich nehmen, wertzuschätzen, der Genuss wird ganz anders wahrgenommen. Die Restaurants Lagune, Trattoria Barolo, Chardonnay und Beefclub bildeten den Raum für verschiedenste Essensstände, die jeweils kleine Portionen ihrer jeweiligen Spezialität anboten und es den Gästen somit erlaubten, viele unterschiedliche Dinge auszuprobieren. Beate Pieper beispielsweise kommt aus Wolfenbüttel und beliefert die Autostadt unter anderem mit Tomaten. Vor ihr ausgebreitet hatte sie ein buntes Spektrum an verschiedenen, teils seltenen Tomaten, die – garniert mit Schafskäse und Kräutern – probiert werden konnten. Ich, die ich dachte, Tomaten nicht sonderlich zu mögen, wurde eines besseren belehrt: Der Grund, weshalb ich Tomaten häufig verschmähe ist, dass sie so wässrig sind: Ein Resultat aus Überzüchtung und Massenproduktion. Die Tomaten hier vor mir, schmeckten jedoch – je nach Sorte – sehr süß oder mal etwas saurer, vor allen Dingen aber: nach Tomate.

Schon witzig, wie man sich über so eine Erkenntnis freuen kann, dachte ich mir und musste später am Abend feststellen, dass diese Erkenntnis eigentlich auch ganz schön traurig ist. Aber erst einmal ging es weiter: Ich probierte Austern und schmeckte den Unterschied zwischen den Muscheln aus Irland und denen aus Sylt. Der nette Herr, der die Austern knackte, stellte schnell fest, dass ich mit diesem Lebensmittel bis dato keine Erfahrungen hatte und nahm sich Zeit für mich: „Die sind köstlich! Mit ein wenig Pfeffer drauf noch besser!“, sagte er und zwinkerte mir aufmunternd zu. Das ist auch so eine Sache, die mir auffiel: Die Leute sind Experten auf dem Gebiet des Erzeugnisses, das sie anbieten, ob es Mehl ist, welches extra für die Autostadt in einem besonderen Mischverfahren angefertigt wird, eine eigene Senf- oder Pfefferkreation oder eben glibberige Austern: Die Aussteller sind begeistert von ihren Produkten – und das steckt an.

Zum Glück waren die Portionen alle recht klein, sodass ich alles Mögliche probieren konnte. Für mich als Pasta-Liebhaberin waren es am Ende Spaghetti, die in einem Laib Käse geschwenkt wurden (so, dass der Käse schmilzt und dann an den Nudeln „kleben“ bleibt) und mit Trüffel Raspeln einfach nur wahnsinnig gut schmeckten! Dicht gefolgt faszinierte mich der Cold-Brew Coffee, den man an der Bar erhielt und bei dem im Grunde genommen Kaffee kalt aufgegossen wurde und die Extraktion von Aromen und Koffein ohne Hitze stattfindet. Es gab die sonst im „Das Brot“ zu kaufenden Dinkelseelen als kleine Brot-Pops (so nenne ich sie liebevoll) am Stiel und den leckersten Apfelstrudel, den ich je gegessen habe (tut mir Leid, Oma).

Mind blowing war neben der Rede von Jan Plagge auch ein Gespräch mit den Vertrtern von Slow Food Deutschland e.V., einem Verein, der sich für eine nachhaltige Landwirtschaft einsetzt, die Respekt vor der Natur und damit vor dem Leben zeigt. Bei Slow Food wird der Erhalt lokaler und regionaler Lebensmittel gefördert und sich dafür eingesetzt, dass weniger Lebensmittel weggeschmissen werden. Wusstest du zum Beispiel, dass Kartoffeln in Herzform kaum eine Chance haben, beim Endverbraucher anzukommen? Sie müssen nämlich einer Norm entsprechen, um überhaupt erst im Handel zu landen. Die Folge dieser merkwürdigen Vorgabe ist, dass der Landwirt viel mehr Erzeugnisse anbaut, als er im Endeffekt verkauft. Doch hättest du wirklich etwas gegen Herzchenkartoffeln?

Im Zusammenhang mit GUT ESSEN ist mir der Spruch in den Sinn gekommen: „Essen ist ein Bedürnis, Genießen ist eine Kunst“ (La Rochefoucauld). Wenn ihr das nächste Mal esst (was ja nicht mehr lange dauern kann) oder am besten schon beim Kauf der Lebensmittel, dann nehmt euch Zeit dafür, hinterfragt die Herkunft dessen, womit ihr hantiert und beschäftigt euch mit den Produkten.

Wer übrigens so wissebegierig ist wie ich, was das Thema Nachhaltigkeit in Zusammenhang mit Essen betrifft, der sollte nächste Woche noch einmal auf meinem Blog vorbeischauen… :-)

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