leonie lauren

Leben & Lifestyle aus Wolfsburg

Mit Wörtern punkten. Süchtig nach dem Silbenglück

Mal wieder finde ich mich in der an Wohnzimmer erinnernden City Gallery wieder. Und einmal wieder ist es eine kleinere Runde, wobei Dmitrij Kapitelman findet, dass die kleinen Leserunden sowieso viel schöner seien. Er, der Star des Abends, ist freier Journalist und Autor und hatte im vergangenen Jahr den Auftrag, über die Scrabble-Weltmeisterschaft in der französischen Stadt Lille zu berichten. Ein 15-seitiger Bericht sollte es werden und genau das schien Kapitelman anfangs unmöglich – doch dazu später mehr.

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400 Menschen aus rund 30 Ländern versammelten sich im Herbst 2016 bei der Weltmeisterschaft, bei der es um das Spiel geht, was statistisch gesehen in jedem dritten europäischen Haushalt zu finden ist: Scrabble. Für die Wettkampfteilnehmer ist es natürlich weitaus mehr, als lediglich ein netter Zeitvertreib, es ist für die Spieler eindeutig unter die Kategorie Sport zu verzeichnen und Dmitrij Kapitelman erfährt von mehr als einer Lebensgeschichte, die vom Scrabble-Spiel auf den Kopf gestellt wurde, bei dem das geschickte Zusammenfügen von Wörtern zu Nervenzusammenbrüchen und Ehekrisen führte.

Die Frage ist nicht, was Scrabble ist, sondern: Was ist Scrabble für wen?

Der durchschnittliche Wortschatz eines Menschen umfasst etwa 4.000 Wörter. Das Vokabular eines Scrabble-Spielers beläuft sich gut und gerne auf die zehnfache (!) Summe. Nigel Richards aus Neuseeland wird in der Welt des Scrabbles als Gott gesehen: Von seinen Mitspielern verehrt und gefürchtet zugleich. Laut Kapitelman wirkt er auf den ersten Blick eher wie jemand, der nicht in der Lage ist, eigenständig ein Fenster zu öffnen; er hat jedoch neben der englischen auch die französischsprachige Meisterschaft gewonnen. Hierfür lernte der nicht französisch sprechende Richards in einer neunwöchigen Vorbereitungszeit einfach das französische Wörterbuch auswendig. Es sind diese bildhaften und gleichzeitig detailgetreuten Vergleiche, die Dmitrij Kapitelman als scharfsinnigen Beobachter entlarven. In seiner Reportage schildert der Journalist die Erlebnisse während der Meisterschaft und zwar auf eine derart spannende Weise, dass es den Zuhörer überrascht und gleichzeitig fesselt. Einzelne Schicksale der Spieler werden beleuchtet und sogar die These, ob Scrabble als Politikum dient, wird von ihm angeschnitten.

Dachte ich bis zum Zeitpunkt der Lesung, dass Scrabble ein weiteres Glücksspiel ist und die Spieler abhängig sind von den Buchstaben, die sie ziehen, weiß ich dank Kapitelmans Besuch in Lille nun: Scrabble wird von dem Spieler gewonnen, der über Glück UND Geschick verfügt. Außerdem kann ein Wort nur so gut sein, wie die Spielfeldposition, die es einnimmt – dementsprechend werden die Punkte verteilt.

Als Überraschung sehen die Zuhörer am Ende der Lesung außerdem eine Tanzperformance, die die Anstregungen und Leiden eines Scrabblespielers während des Turniers verdeutlichen – Haareraufen zu Hauf! Nach der Lesung und Performance beginnt eine gemütliche Diskussionsrunde, bei der ein Zuhörer, dem Scrabble bis dato noch fremd war, die spannende Berichterstattung Kapitelmans lobt. Dmitriij ist daraufhin ehrlich berührt und antwortet: „Sie wissen gar nicht, wie ich mich das freut! Als ich in den kleinen Ort Lille reiste, wollte ich als erstes die Redaktion anrufen und sagen, dass ich die Reportage absagen muss. Ich dachte, daraus können niemals 15 Seiten entstehen.“ Dass es am Ende 15 nicht nur aufschlussreise, sondern auch spannende Seiten wurden, bewies der Journalist seinen Zuhörern.

*in freundlicher Zusammenarbeit mit der Stadt Wolfsburg.

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